Straße – Osteuropa und die ehemalige Sowjetunion 1987-2003

Du hast von außen geschaut, deswegen gibt es diese Fotos. Wir, die wir mitten drin gesteckt haben, haben andere, nicht diese Beobachtungen gemacht. Die Veränderungen betrafen uns zu sehr selbst.

Schon vor einer Weile sprach Svea Gustavs, Gestalterin und Verlegerin in Amsterdam, aber als Bürgerin der Deutschen Demokratischen Republik geboren, die magischen Worte, die zu diesem Buch geführt haben. Gemeinsam öffneten wir Kartons voller Fotos, gingen mit den Augen eines Historikers durch mein Archiv. Mehr als zwölf Jahre bin ich durch Osteuropa und die ehemalige Sowjetunion gereist, all die verschiedenen Veränderungen festhaltend. Ich versuchte mit meiner Kamera, die sich entwickelnden Ereignisse zu verstehen.

Meine erste Reise führte mich 1987 nach Belgrad zu einem Freund. Ich war Student an der Kunstakademie, und die große, weite Welt lockte. Ich machte Pläne, wollte alles sehen. Bis dahin war meine einzige Ost-Erfahrung eine Klassenfahrt nach Berlin gewesen. Was wußte ich denn schon? Ich bin einfach weiter gereist und wurde zum Zeugen der Geschichte. Als die Grenzen geöffnet waren, zogen die Umbrüche und Revolutionen mehr neugierige Leute wie mich an. Ich wurde Teil einer Gemeinschaft von Journalisten und Fotografen, die nach jeder Reise gemeinsam neue Pläne machte. Es gab immer einen Grund. Mit lokalen Dolmetschern und „Machern“ arbeitend (Geduld war eine echte Tugend), verwendete ich viel Zeit und Kraft darauf, Zugang zu Orten zu bekommen und dicht an beteiligte Personen zu kommen.

Ich hörte einmal die weisen Worte eines berühmten Geigers, der sagte, daß man bei der Aufführung nie die vielen Mühen des Übens zeigen sollte. Das schwierigste Musikstück sollte sich wie die einfachste Sache der Welt anhören. Diese Worte hatte ich im Hinterkopf, als ich Fotos in schwierigen oder unzugänglichen Situationen machte. Meine Credo war: „Sei der Beobachter, stelle Fragen, aber laß die Szene selbst arbeiten, misch dich nicht ein, sondern schaue hin, höre zu und reagiere…“.

Zu der Zeit begann auch in den Medien eine Revolution. In meinem Beruf veränderten digitale Techniken und das Internet alles. Das handwerkliche Können eines professionellen Fotografen war nicht länger exklusiv. Jeder hatte die Möglichkeit, mit Fotografie zu kommunizieren und diese auf dem Internet zu veröffentlichen. Das ist eine große Sache. Fotojournalisten stehen an vorderster Front. Wir sind Pioniere. Wir gehörten zu den ersten, die Internetseiten bauten und ihre Arbeiten über die neuen Medien weltweit verbreiteten. Aber es hatte auch eine Kehrseite: Als sich das Blatt für die grafische Industrie aufgrund des Rückgangs an Anzeigeneinnahmen wendete, wurden als erstes die Budgets für Fotografie gekürzt.

Schon damals in den 90ern, als ich hunderte Fotos pro Jahr veröffentlichte, war es schwer, mit der Arbeit, wie ich sie machte, genug Einkommen zu generieren. Heute ist es praktisch unmöglich. Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichen kaum noch zeitraubende, beobachtende Fotoserien. Fotojournalisten, so wie ich, fanden Unterstützung in der Kunstwelt und durch private Finanzierung.

Ich bekam Stipendien, die mir für einige Zeit die Fortsetzung meiner Arbeit ermöglichten, bis ich mich entschloß, einen anderen Weg einzuschlagen. Ich begann, an nicht-journalistischen Projekten und Dokumentarfilmen zu arbeiten und wurde Dozent an einer Kunstakademie.

Alles in diesem Buch ist Geschichte. Vor zehn Jahren habe ich mein letztes Foto in Rußland gemacht. Ich brauchte einige Zeit, um herauszufinden, für wen es ein Buch wie dieses geben sollte. Drei Jahre lang haben wir Entwürfe des Buches auf der Leipziger Buchmesse gezeigt und die Reaktionen der Besucher registriert. Dort beschlossen wir, wer unser Publikum sein würde. Das Buch ist für die Menschen, die es angeht. Es ist für diejenigen, die es selbst erlebt haben oder deren Eltern beteiligt waren. Sie repräsentieren die Geschichten, über die von außen betrachtet viele verschiedene Meinungen verkündet werden. Und ich? Ich war und bleibe ein Außenstehender, aber ich war dicht dran und sah hin.

Leo Erken, Amsterdam, 2013.

Rezension auf der website der Wochenzeitung “Freitag”.

 

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